Das Frauenhaus Aargau-Solothurn bietet Frauen und weiblichen Jugendlichen, die von physischer, psychischer und/oder sexueller Gewalt betroffen sind, Schutz und Sicherheit. Die Krisen-Interventionsstelle ist ein 24-Stunden-Betrieb. Sie bietet Opfern eine anonyme Unterkunft sowie Beratungen. Auch nach ihrem Aufenthalt werden die Klientinnen von Mitarbeiterinnen des Frauenhauses beraten. Am Streikzmittag der SP Aarau sind 800 Franken für das Frauenhaus zusammengekommen. Ich habe die Präsidentin der Stiftung Janine Sommer zu einem Gespräch getroffen.

Wie haben Sie den Frauenstreik erlebt?

 Ich zog ein Frauenstreik T-Shirt zur Arbeit an und nahm später mit meiner Schwester am Umzug in Aarau teil. Es hat gut getan, zu sehen, wie viele Frauen anwesend waren und auch, dass das Frauenhaus immer wieder Thema war. Das gibt uns Energie. um für die Anliegen des Frauenhauses einstehen zu können! Die Solidarität und der Druck auf die Politik, welcher erhoben wurde, dürfen jetzt nicht versanden, denn wir haben noch einen langen Weg vor uns.

Was ist Ihnen und ihrem Team in ihrer Arbeit besonders wichtig?

Unser Haus bietet den Schutz für gewaltbetroffene Frauen der sonst nicht gewährleistet werden kann. Unsere Aufgabe ist es, ein individuelles Angebot für die gewaltbetroffenen Frauen und gegebenfalls für ihre Kinder zu schaffen, das ihren Bedürfnissen gerecht wird und ihnen ermöglicht künftig wieder ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Wir begleiten Frauen auch nach ihrem Aufenthalt bei uns. Oftmals entscheiden sich die Frauen zu einer Rückkehr zu ihrem Partner hierbei unterstützen wir sie gleichermassen wie jene Frauen, die sich für eine Trennung entscheiden. Letzteren sind wir dann bei der Wohnungssuche und administrativen Belangen behilflich.  

Häusliche Gewalt ist ein gesellschaftliches Thema und betrifft uns alle, deshalb ist es für die strategische Arbeit im Stiftungsrat wichtig, dass möglichst verschiedene Sichtweise einer Gesellschaft in die Entscheidungen einfliessen. Folglich nehmen im Stiftungsrat neu auch Männer Einsitz. Ebenfalls ist der Stiftungsrat generationenübergreifend zusammengesetzt.

Das Frauenhaus wurde 2013 30 Jahre alt, was hat sich in diesen 30 Jahren verändert? 

Es ist klar, es hat eine gesellschaftliche Veränderung stattgefunden. Der Schutz von Frauen hat sich institutionalisiert. Die gesetzlichen Grundlage zum Schutz gewaltbetroffener Frauen sind nun mehr geschaffen. Bis im Jahr 2004 war Gewalt in der Ehe noch straffrei. Bis dahin mussten sich die Menschen selber wehren. Jedoch gilt auch heute noch das Credo, Was sich in den 4 Wänden abspielt, ist Privatsache und ich denke, da muss sich auch heute noch einiges ändern. Es wird immer noch zu wenig hingesehen und gewaltbetroffene Frauen werden dadurch isoliert. Es ist uns ein grosses Anliegen, die Menschen zur Themaktik Gewalt zu sensibilisieren.Die Formen der Gewalt sind enorm vielfältig. Es gibt keinen Stereotyp einer gewaltbetroffenen Frau. Betroffen von Gewalt sind schliesslich Frauen aus allen Schichten der Gesellschaft.

Den Betroffenen fehlt oft der Mut und die Energie sich eigenständig an uns zu wenden. Hier muss die Zivilgesellschaft aktiv werden, im Wissen um unsere Angebote. Ich appelliere also an alle, mischt euch ein, fragt nach, wenn ihr das Gefühl habt, dass Frauen und natürlich auch Männer von Gewalt betroffen sind und bietet Unterstützung an, indem ihr sie an uns vernetzt.

Durch die heutige Technologie wird es aber auch immer schwieriger die Frauen vor ihren Tätern schützen zu können. Die Benutzung eines Handys zum Beispiel kann für die Frauen gefährlich werden, trotzdem ist in der heutigen Zeit das Handy das eigentliche Tor zur Aussenwelt, daher können kaum eine komplette Abschottung der gewaltbetroffenen Frauen vorantreiben. Dies würde heissen, sie wiederum zu isolieren, was wir tunlichst vermeiden wollen. Trotzdem muss der Schutz der Frauen gewährleistet werden. Dies umzusetzen ist nicht immer einfach.  

Heutiges Ziel der Stiftung ist es sodann sich stets weiterzuentwickeln und sich gut mit sämtlichen Akteuren rund um die Thematik häusliche Gewalt sowie mit der Politik zu vernetzen. Letztlich ist mit der Istanbuler Konvention, welche auch von der Schweiz unterschrieben wurde, das Thema definitiv in der Politik angelangt und dies gilt es auch von uns zu bewirtschaften..

Haben Sie Wünsche, welche Sie an die Politik richten wollen?

Das Thema Häusliche Gewalt sollte nicht nur als reines Frauenthema betrachtet werden, sondern als gesellschaftliches Thema. Es muss uns gelingen, das Thema auf die politische Agenda zu bringen und dort muss es auch bleiben. Wir müssen uns darüber unterhalten, was häusliche Gewalt ist und was dies für die Betroffenen bedeutet. Es muss klarwerden, dass unser Angebot nicht ein „Nice to have“ sondern bitter nötig für den Schutz von Frauen ist. Ich bin der Überzeugung, das Funktionieren einer Gesellschaft kann immer daran gemessen, wie die Schwächsten in der Gesellschaft geschützt, begleitet und unterstützt werden oder eben nicht.

Zurzeit werden wir nur anhand unserer Belegung finanziert. Dies ist gesetzlich so vor- gesehen. Eine Belegung ist aber schwer planbar, da wir eine Krisenintervention- und Notfallstelle sind. Notfälle lassen sich aber nicht planen, und trotzdem müssen wir stets entsprechendes Personal und Infrastruktur bereitstellen, damit den gewaltbetroffenen Frauen geholfen werden kann. Das heisst wir verfügen momentan nicht über eine kostendeckende Finanzierung, sondern sind auf Unterstützung durch Private angewiesen, damit wir unsere Betriebskosten decken können. Im Grossen Rat wurde ein Postulat eingereicht, dass eine gesetzliche Anpassung dahingend prüft, inwiefern ein anderes kostendeckendes Finanzierungsmodell als das bestehende eingeführt werden kann. Unsere Leistung soll anerkennt werden und zwar auch so, dass eine faire Bezahlung der Mitarbeitenden möglich ist. Ich wünsche mir, dass dies die Politik auch anerkannt und ihren Beitrag zu einer kostendeckenden Finazierung leistet.

Und dann wünsche ich mir, dass die Politik auch anerkennt, dass auch Männer von häuslicher Gewalt betroffen sind. Auch sie brauchen entsprechende Unterstützungen und Institutionen. Bei diesem Thema hinkt der Kanton Aargau hinten nach.

Gibt es Angebote für Frauen welche zusätzlich wichtig wären, welche aber nicht oder noch nicht vom Frauenhaus übernommen werden? 

 

 

Es braucht mehr Prävention in der Schule. Was ist häusliche Gewalt? Wie gehen wir damit um? Das Thema Zwangsheirat ist zum Beispiel dank erfolgreichen Kampagnen immer stärker sichtbar. Diese Themen müssen wir unbedingt an die Schulen und zu den Jugendlichen bringen. 

Dann möchten wir unser Angebot für Kinder, welche von Gewalt betroffen sind ausbauen. Es muss möglich sein, diese Kinder auch nach ihrem Aufenthalt im Frauenhaus weiterhin betreuen zu können. 

 

Vielen Dank liebe Janine Sommer für das Gespräch und Ihren Einsatz für die Frauen in unserem Kanton!